kleine geschichte des dunkelklausurschildes

traumschild, das in der praxis und in den dunkelklausuren als symbol eingesetzt wird

ein schild ist ein artefakt aus dem zentrum des rades der medizingegenstände, was seine bedeutung hervorhebt. schilde haben als intention die unsichtbaren, nagualen erfahrungen der schamanisch reisenden sichtbar zu machen und so im alltag, also in der tonalen welt erinnerungsanker an nagualerfahrungen des selbstbewußtseins und der spirituellen kraft zu setzen.

das dunkelklausurschild erzählt eine schöpfungsgeschichte: am anfang war das nichts. dargestellt durch das dunkle des schildes. die ständige reaktion auf reize unserer kultur zu unterbrechen, um zum eigenen ursprung unseres seins zurückzukehren ist also in der farbe des schwarzen hintergrundes des schildes wiedergegeben.

in das große, weite, ruhende dunkle kommt ein funke: es entsteht eine bewegung. nun sind zwei da: yin und yang, hier auf dem schild in der altaiischen schamanischen tradition dargestellt als urmutter und urvater unserer existenz*. symbolisch stellen die beiden auch unsere beziehung zu unseren eltern und die anderen menschen auf dem schild unsere beziehung zu unseren ahnen dar. diese ahnenkräfte haben schamanisch reisende in sich in balance zu bringen.

wir sehen großmutter erde und großvater sonne, die auf vielerlei weisen die grundlage unserer existennz als spirituell suchende bilden. so prägt die landschaft unserer kindheit beispielhaft die landschafts-wahrnehmung unserer traumwelten. und wir sehen verwandte aus der mineral- der pflanzen- und der tierwelt symbolisch abgebildet. all diese welten drücken sich auch in unseren träumen aus, in denen sie uns als totemtiere, kraftsteine oder heilpflanzen begegnen, oder aus deren symbolen wir spirituelle kraft erringen können.

die goldenen und silbernen farben des schildes werden als legierungen aus erzen gewonnen und erinnern uns daran, daß nicht alle lebenserfahrung sofort zugänglich ist, sondern wir manchmal eine mystische 'reise durchs feuer' oder durch 'das wassser der gefühle', durch 'den bauch der erde' oder 'in den heftigen stürmen der winde' unternehmen müssen, bevor wir die tiefe schönheit der lebenserfahrung erkennen können. die beiden farben stellen auch die vielen visionen von innerem licht symbolisch dar, die schamanisch reisenden in der dunkelklausur widerfahren.

die splitter des amethysten als kristall erinnern uns daran, daß das schamanische wissen nicht von aussen zu uns kommt, sondern wie die amethystdrusen in großmutter erde, inwendig in uns liegt. auch die schätze spirituellen wachstums sind in diesem verständnis als erinnerung in unserem eigenen seelenleben zu finden.

der amethyst als totemstein unterstützt traditionell unsere verbindung zu unserem göttlichen ursprung oder der richtung unseres wachstums und die farbe 'lila' spielt eine bedeutende rolle in der mystischen tradition 'der gärten der einweihung' der zigeuner.

die dargestellten fabelwesen helfen uns zu verstehen, daß viele menschheitserfahrungen uns erst über ein verständnis der mythen und märchen der völker zugänglich werden . so können uns die paradiesvögel im süden des schildes ebenso an das christliche erlösungsmotiv des paradises, wie an die fabelwesen der geschichten aus 1001nacht erinnern.

die dargestellten jurten und hütten können uns daran erinnern, daß wir in den unendlichen weiten des unbewußten kleine zeremonielle schutzräume brauchen, um an unseren spirituellen erfahrungen wachsen zu können. sie erinnern symbolisch auch daran, daß jene, die vor uns in die traumwelten gereist sind , den schutz von höhlen oder tempeln gesucht haben (wie die nordamerikanischen indianer in den sog.kiwa's, die pythagoräer der europäischen mystischen wurzeln in ihren höhlen, oder die steppenvölker der skythen in ihren ail-hütten der taiga).

die schlange in dem korb, der an dem schild hängt, erinnert uns an den asklepios-traumkult, bei dem für runde tausend jahre in griechenland träume zur heilung menschlicher krankheiten angewandt wurden und die daher bis heute als schlangensymbol unsere apotheken ziert.

die beiden federn schließlich symbolisieren unseren wunsch, daß unsere träume als ausdruck von schönheit im tanz unseres lebens erkennbar werden wie im flug jener adler, von denen sie stammen.

das schild wurde 2010 gestaltet von renate paula höfle.

der text entstand während einer privaten dunkelklausur von bernhard schlage in 2012

 

* herkunft der abb. aus: nikolai tschepokow; "die traumbilder trarakais"; novosibrisk 2006, isbn 5-94023-105-5